"Casa del Inglés" – Orchilla Händler Julián Leal Sicilia + der britische Spion John Parkinson.

Was gibt es zu sehen und entdecken?

An der FV-101 linker Hand Richtung Villaverde liegt ein altes Bürgerhaus, die "Casa del Inglés". Ein schönes Zeitdokument der Geschichte Fuerteventuras. Symbol des aufstrebenden Handels des 17. und 18. Jhd., in dem vor allem britische Händler zu grossem Wohlstand kamen und diesen mit für Fuerteventura luxuriösen Bauten zur Schau stellten. Der Handel mit Soda, Kali und Farbstoffen explodierte derart, das Grossbritannien sogar eine eigene Botschaft in Puerto de Cabras unterhielt.

Julián Leal Sicilia (* 1730, Los Llanos de Aridane, La Palma - † 1822, La Oliva) war kein Brite, sondern stammte aus einer wohlhabenden Handelsfamilie aus La Palma, die im Lateinamerika Handel ein Vermögen machte. Julián Leal Sicilia war auch nicht faul und erkannte das grosse Potential der Orchilla Pflanze, aus der Karmin gewonnen werden kann und die auf Fuerteventura reichlich vorkommt oder besser kam. Julián Leal Sicilia stieg erfolgreich in das Orchilla Geschäft ein und kam dabei zu entsprechendem Vermögen. Er liess zwischen 1788 und 1790 die Casa del Inglés in la Oliva für sich errichten. Für die damaligen Verhältnisse Fuerteventuras, war sie ein Prunkbau, ausgeführt mit zwei Stockwerken, was höchst selten war und als Statussymbol galt. In der näheren Umgebung findet sich nur die Casa de los Coroneles oder die Casa Alta in Tindaya, die zweistöckig ausgeführt wurden. Die Casa del Inglés wurde um einen grossen Patio gebaut, unter der eine ebensolche Zisterne liegt. Viele Wände waren teils mit kostbaren arabischen Fliessen belegt. Die üblichen Holzbalkone, die schon lange verrottet sind, zeigten den Wohlstand noch einmal demonstrativ, wie das auf den Kanaren üblich war. In der Calle de los Balcones in La Orotava auf Teneriffa ist das besonders schön zu sehen oder auch in Betancuria im Kleinen. Auf der Westseite ragt ein eigenartiger Kubus aus dem ersten Stock. Das war die Toilette. Es wurde sozusagen im freien Fall das Verrichtete der Natur übergeben. Die hygienischen Zustände waren bis weit in das 20. Jhd. auf den Kanaren atemberaubend. Wird in Las Palmas de Grand Canaria das Haus des berühmten Literaten Benito Pérez Galdós (* 1843, Las Palmas - † 1920, Madrid) besucht, so wird in der Vagueta von Las Palmas ein repräsentatives, grosses Stadthaus vorgefunden, das weder Bad noch Toilette besitzt. Im Haus des wohlhabenden Arztes Doctor Mena in La Ampuyenta sieht es nicht anders aus. Mit dem Waschen hatte man es nicht so. Die römisch-katholische Kirche Spaniens trägt bis heute noch kräftig dazu bei, dass viele Gruppen ein recht gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper haben.

Julián Leal Sicilia, der Erbauer des Anwesens, hatte wenigstens eine freifallende Toilette, besser als nichts und war überdies ein Mezen. Ob dies in einem Zug genannt werden sollte ist fraglich aber passiert. In der Casa del Inglés schuf der renommierte Barrock Meister Juan Ventura de Miranda Sejas y Guerra (* 1723, Gran Canaria - † 1805, Teneriffa) jene Gemälde, die für das Westschiff der Iglesia Nuestra Señora de la Candeleria, die Sicila zusammen mit der Kanzel der Kirche spendete, bestimmt waren. Der Meister Juan Ventura war nicht irgendwer. Seine Bilder hängen unter anderem auch in der königlichen Akademie in Madrid. Julián Leal Sicilia muss einiges an Geld spingen gelassen haben.

Wahrscheinlich erst Nach dem Tod von Julián Leal Sicilia, erwarb der Brite John Parkinson das Anwesen. Er gab sich als Getreidehändler und als Naturforscher aus, der die Flora und Vogelwelt von Fuerteventura erkunden wolle. Als Getreidehändler machte man auf Fuerteventura nicht das grosse Geschäft, das scheint eher unwahrscheinlich, auch ist kein einziges botanisches Werk von John Parkinson bekannt. Nach derart langer Forschungszeit, die er auf der Insel verbrachte, wäre zumindest eine Publikation das Mindeste. So könnte es gut sein, wie in einer Nachbarsfamilie der Casa del Inglés seit Generationen überliefert wird, das John Parkinson ein britischer Spion war. Der Ort war geeignet, denn er sass nur mehrere hundert Meter von der Casa de los Coroneles entfernt, die bis 1859 die Militärverwaltung der Insel beherbergte. Vielmehr ist über John Parkinson (* 1793, London - † 1868, La Oliva) auch nicht bekannt, obwohl er auf der Insel, wie alle reichen Gringos, ein bekannter Mann war. Er wurde "Don Juan Parkinson" gennant, heisst, man hatte grossen Respekt oder und Angst vor ihm. Parkinson starb in La Oliva im Alter von 75 Jahren ohne Bleibendes zu hinterlassen. Sein Forscherdrang scheint also mehr Zeitvertreib oder vorgeschoben gewesen zu sein. Er ist auch nicht mit dem britischen Arzt und ernsthaften Botaniker John Parkinson (* 1567, Nottinghamshire - † 1650, London) zu verwechseln.

Die 75 Jahre, die Don Parkinson auf dem Planeten verbringen durfte, sprechen für die damalige Zeit für eine ausgezeichnet Gesundheit. Der Erbauer der Casa del Inglés brachte es sogar auf 92 Jahre. Da die Geburten- und Sterbetabellen auf der Insel akribisch geführt wurden und noch Jahrhunderte zurück im Inselarchiv von Pueto del Rosario aufliegen, dürfte es verlässlich sein. Nicht nur um John Parkinson spinnt sich in La Oliva eine Räubergeschichte, auch um Julián Leal Sicilia, den Erbauer der Casa del Inglés. Er musste angeblich die Casa del Inglés an Parkinson verkaufen, weil er ein von Piraten gekapertes Schiff, auf der seine Liebste war, freikaufen musste und dringend Geld benötigte. Da geht dann doch eher die Phantasie der Einheimischen von La Oliva durch, wenn man sich die Lebenszeit der Herrschaften anschaut. Mit Ende 80ig noch ein feuriger Liebhaber? Das scheint fraglich. Auch war die Zeit der Korsaren in den kanarische Gewässern mit dem Ersten Barbareskenkrieg (1801 – 1805) durch die United States Navy gänzlich beendet. Die damals junge und noch schwache US Navy mischte sich tatsächlich zu jener Zeit in Konflikte in spanischen Gewässern ein, übte also schon mal solide, für Grösseres in der Zukunft kommenden Zukunft.

Nach Parkinson durchlebte die Casa del Inglés eine wechselhafte Geschichte mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen. Sie wurde als Haus zur Pflege von Kranken und Alten verwendet. Ab den 1950iger wurde sie von dem durch General Franco installierten Infanterie Regiment beschlagnahmt und genutzt. Dieses veranlasste auch den Picón Abbau in der Gegend, der poröse Lavakies, der zur Feuchtigkeitsspeicherung auf die Felder als Deckschicht gestreut wird. Es war eine der unzähligen Massnahme zur Steigerung der Produktivität der Landwirtschaft Fuerteventuras. Der La Oliva gegenüberliegende Montaña de la Arena weisst grosse unschöne Löcher auf. Aus diesen wurde in den 1950iger der Picón für die Felder von La Oliva gegraben.

Als in den 1970iger der Spuk der Militärdiktatur vorbei war, begann die Casa del Inglés leer zu stehen, verfiel zunehmend. 2005 wurde das Gebäude zum Kulturgut erklärt und die Inselverwaltung von Fuerteventura kaufte Grund und Casa von der Gemeinde La Oliva für 400 tsd. Euro, mit der Intention sie wieder herzustellen. Dies geschah bis heute leider nicht. 2017 war sie endgültig in einem so desolatem Zustand, dass das Haus seitdem nur noch abgestützt stehen bleibt. Grosse Zäune und Warnschilder verhindern das Betreten, denn bis 2015 konnte sich noch jeder, illegal, einwenig im Gebäude umsehen, um beispielsweise die Reste der schönen arabischen Fliessen zu klauen. Ob das schöne Kulturgut überhaupt noch zu retten ist, mehr als fraglich. Ein herber Verlust, welcher der bekannten Untätigkeit und Ignoranz der Politiker des Cabildos zuzuschreiben ist. Sie finden im Bau sinnloser "rotondas", Kreisverkehre und Asphaltierungsarbeiten ihre Erfüllung.

Im Sommer 2020 wurden wieder Gespräche zwischen dem Cabildo von Fuerteventura und dem Ayuntamiento La Oliva begonnen, die Casa del Inglés zu sanieren und einem Museum, Kulturzentrum o.ä. zu widmen. Die übliche Idee halt, wenn gar nichts mehr einfällt. Wer einen Blick auf das einst prächtige Gebäude wirft sieht allerdings auch mit wenig Fachkunde: Da steht nur noch ein Abrissobjekt. Das wird nichts mehr. 2021 ist ins Land gezogen und wiedereinmal wird diskutiert. In diesem Zusammenhang wird die Redewendung "etwas zerreden" plötzlich ganz bildlich.

Der Ort La Oliva Fuerteventura: Die Casa del Inglés aus dem 18. Jhd.

Für wen lohnt der Besuch?

Die Geschichte der Casa del Inglés ist spannend aber wenig bekannt. Sie gäbe Material für einen Film ab. Leider ist jedes Jahr weniger von ihr zu sehen, da Fuerteventura Meister darin ist, das wenige an Geschichte das es hat, verfallen zu lassen und es dem Vergessen zu weihen. Trotzdem, noch ist einwenig zu sehen und wer in La Oliva ist, in der Nähe oder Durchreise, sollte das historische Gebäude besichtigen.

Infrastruktur.

Siehe La Oliva.

Schnell gefunden.

Siehe La Oliva.


Zur Fuente de Tababaire wandern.

Mehr entdecken in der Umgebung.

Überblick – hinauf zur Fuente de Tababaire.

Die Fuente de Tababaire ist ein wunderbarer Ort und verschafft einen herrlichen Überblick über La Oliva, das Malpais de la Arena und die Westküste von Fuerteventura. Selbst im Hochsommer plätschert dort oben die Quelle, es ist schattig und kühl. Das lieben auch die Ziegen, die an ihr Abkühlung suchen. Einsam ist es, die Blicke weit.


Von La Oliva lässt sich die Quelle mit einer kleinen Wanderung, über den alten Wasserlauf, gut erreichen. Einst wurde dort das Wasser für die Felder hinunter geleitet. Mit dem Auto ist die Fuente de Tababaire holprig von Vallebrón aus zu erreichen.

Insider Tipp

Wandern in die Vergangenheit – zu den Casas de Jacomar.

Wer Orte die wie Casa del Inglés mag, der sollte zu einer kleinen Küstenwanderung aufbrechen: Zu den Casas de Jacomar. Kaum ein Tourist kennt sie. Die Geschichte der Siedlung, die bis zur Conquista zurück reicht, ist auch den meisten Majoreros nicht bekannt. Besucher der Sonneninsel, die eine idyllische Küstenwanderung schätzen, aufgeladen von spannender Geschichte: Auf zu den Casas de Jacomar!

Die Casa del Inglés aus dem 18. Jhd.

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