Fuerteventura – Insel der Verbannten.

Wo Menschen spurlos in der Versenkung verschwanden.

Spanien ist nicht besonders gut im Aufarbeiten seiner Geschichte. Deckel drauf und fertig. So ist wenig über die Deportierten von Fuerteventura bekannt. Nicht erst General Franco entdeckte die Insel als erstklassigen Ort unliebsame Zeitgenossen verschwinden zu lassen. Auch sein Vorgänger General Miguel Primo de Rivera (* 8.01.1870, Jerez de la Frontera – † 16.03.1930, Paris) entledigte sich auf Fuerteventura unliebsamer Zeitgenossen. So traf es seinen Finanzminister Marticertia, dessen Immunität auf Lebenszeit von König Alfons XIII. auf Druck von General Rivera ohne rechtliche Basis aufgehoben wurde. So konnte ihn Rivera im Jänner 1924 nach Fuerteventura deportieren lassen. Dort verliert sich von Marticertia jede Spur. Auch der Baske Miguel de Unamuno y Jugo, das "Gewissen Spaniens" wie man ihn in Europa nannte, der im Februar 1924 von Rivera nach Fuerteventura deportiert wurde, konnte von Marticertia nichts berichten. Miguel de Unamuno, der später die 2. Republik proklamierte, gelang jedoch nach drei Monaten eine spektakuläre Flucht von Fuerteventura. Ein befreundeter Pariser Verleger schickte ihm nachts ein Fluchtboot.

Fuerteventura war ideal, um Menschen in der Versenkung verschwinden zu lassen. Die zweitgrösste Kanareninsel weit und einsam. Dünn mit 7.500 Menschen besiedelt, die Bevölkerung zu gut 80% Analphabeten. Noch in den 1950 ohne eigenes Telegraphen Kabel. Nur einmal pro Woche kam das Postschiff, wenn das Wetter keinen Strich durch die Rechnung machte. Die einzige Zeitung der Insel "La Aurora" existierte nur von 1900 bis 1906. So gab es auch keine lästigen Journalisten. Die Bevölkerung hatte damit zu kämpfen genug Essen auf den Tisch zu bekommen und interessierte sich nicht für Politik. Ideale Vorraussetzungen dafür, dass all jenes, dass auf der Insel stattfand, nicht dem Rest der Welt bekannt wurde. Der Militärkommandant der Insel konnte also schalten und walten wie er wollte.

General Franco (* 4.12.1892, Ferrol – † 20.11.1975, Madrid), sein vollständiger Name meterlang, "Francisco Paulino Hermenegildo Teódulo Franco y Bahamonde Salgado Pardo", hatte eine ganz besondere Beziehung zu den Kanaren, die ihm auch bedingungslos die Treue hielten. Das wird heute recht unangenehm betroffen totgeschwiegen. 1936 traf sich General Franco konspirativ mit seinen Gefolgsleuten im Wald "La Esperanza" (die Hoffnung) auf Teneriffa und nahm seinen Mitstreitern den Treueschwur ab. Kurz darauf verschwand der republikanische Bürgermeister von Santa Cruz de Tenerife spurlos. Der blutige spanische Bürgerkrieg begann, nahm seinen Ausgang auf den Kanaren. Bizarrer Weise blieb das Archipel vom Bürgerkrieg gänzlich verschont, der heftig unter deutscher Hilfe für Franco auf der iberischen Halbinsel tobte und wohl ohne die Hilfe des Deutschen Reichs für die Republikaner ausgegangen wäre. Das Deutsche Reich entsandte die berüchtigte Legion "Condor", 10 tsd. Mann mit 100 Flugzeugen, die bei jeder entscheidenden Schlacht dabei war und im Baskenland die Stadt Guernica mit Splitterbomben und Stabbrandbomben dem Erdboden gleich machte. Deutsche U-Boote jagten im Mittelmeer Schiffe der Republikaner und auch deutsche Flugzeuge griffen die Bunker del Carmel über Barcelona an. Gefangene Republikaner kamen in "Straflager", wie sie heute beschönigt bezeichnet werden. Sie waren aber astreine KZ nach deutschem Vorbild. Ab 1937 baute SS- und Gestapo-Mitglied Paul Winzer einige KZ Anlagen in Spanien. Deutsche Gestapo Mitarbeiter, bekannt für die entsetzlichen Verhörmethoden, nahmen sich die Putschisten vor. Man setzte wohl darauf, dass Ausländer das noch skrupelloser als eigene Landsleute machen würden. Das Deutsche Reich im spanischen Bürgerkrieg überall massiv aktiv, bis 1939 der Bürgerkrieg durch General Franco mit tatkräftiger deutscher Hilfe gewonnen war und in Spanien die Zeit des Franquismus begann, die erst 1975 schleifend mit der Zeit der "Transición" endete. Pikanter Weise griffen auch deutsche Unternehmen General Franco hilfreich unter die Arme. Die IG-Farben spendete kräftig und es klingt wie ein Scherz ist es aber nicht: Gewann Franco eine Schlacht, zahlte ihm die IG-Farben eine Sonderprämie. Auch Siemens war mit von der Partie.

Als 1939 General Franco als Diktator antrat mit brutaler Hand Spanien zu führen, machte er das, was sein Vorgänger General Rivera im Kleinen gemacht hatte, im grossen Stil. Eine "Säuberungswelle" rollte über Spanien und Putschisten und alles was sonst nicht zu Gesicht stand und noch lebte, wurde auf die Kanaren zum Arbeitsdienst deportiert. Wieviele es waren, das kann wohl nur herausgefunden werden, wenn die geheimen spanischen Staatsarchive geöffnet werden und auch dort ist fraglich, ob die Wahrheit zu finden ist. 7 tsd. bis 8 tsd. Deportierte werden es bestimmt gewesen sein oder auch mehr. In Summe wird von 1.500 gesprochen, die nach Fuerteventura geschickt wurden. Wo die ersten Strafgefangenen lebten und arbeiteten, darüber ist nichts dokumentiert. Gross einsperren musste man niemanden. Wer weglief verhungerte und verdurstete und wer keinen Verleger Freund in Paris wie Miguel de Unamuno besass der ein Schiff schickte, kam auch nicht von der Insel weg. Die ersten Strafgefangenen dürften wohl am Staudamm Presa de las Peñitas bei Vega de Río Palmas gearbeitet haben, der 1939 errichtet und 1943 aufgestockt wurde. Die Gefangenen errichteten auch 1946 – 1948 den ersten befestigten Weg Nord-Süd auf Fuerteventura, der den Namen "Camino de los Presos" (Weg der Strafgefangenen) trug. Angeblich wurde er auf Bitte des Gustav Winter errichtet, dem erstklassige Kontakte zur spanischen Generalität nachgesagt wurden und der auch genau zu jener Zeit nach Fuerteventura zurück kehrte. Einheimische nenne den Weg auch "Camino de la Cal", den Kalkweg, da sandige Passagen mit Kalkstein Platten belegt wurden. Heute folgt der Wanderweg GR-131 im Süden auf Jandía dem "Camino de los Presos". Auch am Bau des zweiten Staudammes Embalse de los Molinos bei Tefía in den 1950igern mussten Gefangene mitarbeiten.

Im Zuge einer weiteren grossen "Reinigungswelle" durch General Franco in den 1950igern, wurde das Straflager von Tefía angelegt, in dem heute, man mag es nicht glauben, eine Jugendherberge und ein Observatorium untergebracht ist. Im hintersten Eck findet sich eine kleine Gedenktafel. Das wars auch schon. Die Insassen des Straflagers, das 1956 neben dem alten Flugfeld in Betrieb ging und bis 1966 in Betrieb war, waren Mitglied des "91 Batallón Disciplinario de Soldados Trabajadores Penado". Eine Gesetzesänderung von Franco machte es möglich, so gut wie jedem etwas anzuhängen. Das Gesetz "La ley de vagos y maleantes" aus 1933 wurde 1954 erweitert. Wer bezichtigt wurde Landstreicher, Zuhälter oder homosexuell zu sein, hatte eine gute Chance die Sonne Fuerteventuras kennen zu lernen. Die oft aufgestellte Behauptung, dass im Straflager von Tefía nur Homosexuelle inhaftiert waren, ist falsch. Es waren rund 20% der Rest politische Gegner und Putschisten. Nachdem es zu sexuellen Handlungen im Lager kam, wurden Homosexuelle in eigenen Barracken unter gebracht. Wer bei solchen Handlungen erwischt wurde, hatte nichts mehr zu lachen. Es wird berichtet, dass die "Delinquenten" bis zur Unkenntlichkeit halb tot geprügelt wurden. Manch einer wohl auch ganz.

Auch für jene, die sich an die strengen Regeln im Lager hielten, war das Leben die Hölle. Gearbeitet wurde nach striktem Zeitplan sechs Tage die Woche. Nur Sonntag war frei. Es wurde in der Landwirtschaft gearbeitet, Staudämme gebaut, Steine geklopft. Samstag abends durften sich die Strafgefangenen aus Eimern waschen. Sie wurden vom Wasserbecken, das westlich der Jugendherberge liegt und wie ein Schwimmbad aussieht, herbeigetragen. Wann man aus dem Lager entlassen wurde und ob überhaupt jemals, wieviel es nicht überlebten, das liegt alles im Dunkeln. Diese heiklen Themen möchte niemand anfassen. Dass sich um Tefía auch eines der vielen Massengräber des Franco Terrors befindet, ist gar nicht so unwahrscheinlich. Irgendwo mussten die Toten ja hin, denn es ist recht unwahrscheinlich, dass alle Strafgefangenen gut erholt und durchtrainiert die Insel wieder verliessen. Der spanische Verein "Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica" (ARMH), der sich zum Ziel gemacht hat Massengräber der durch das Franco Regime Ermordeten aufzufinden und sie zu exhumieren, würde sicher auch in Tefía fündig. Alleine in den letzten Jahren wurden durch ARMH gut 1.000 Opfer des Franco Regimes aus Massengräbern exhumiert. Der Verein ist auf Spenden angewiesen, denn das "Ley de Memoria Histórica" sichert ihm keine Unterstützung zu.

Erst am 31. Oktober 2007 wurde des Gesetz "Ley de Memoria Histórica" verabschiedet. Es regelt wie mit dem grausamen Erbe umgegangen werden soll. Neben dem Verbot franquistischer Veranstaltungen u.ä., schreibt es auch die Entfernung aller franquistischen Symbole von öffentlichen Gebäuden und Plätzen vor. So wurde erst 2016 das Denkmal im "La Esperanza" Wald geschliffen, das zur Erinnerung an den Treueschwur von Los Raices errichtet wurde und bis zuletzt eine Pilgerstätte rechter Franco Anhänger war. Pikanter Weise tragen auf Fuerteventura noch fünf Strassen den Namen "General Franco" u.a. in La Oliva und Puerto del Rosario, was nach dem "Ley de Memoria Histórica" verboten ist. Und auch 2018, am Todestag Francos am 20. November, fand im Tal der Gefallenen, dem Valle de los Caídos, 60 Km von Madrid entfernt am Gab Francos eine Gedenkfeier und Gottesdienst zu Ehren des Diktators statt, wie auch in anderen Kirchen Spaniens. All das wäre nach dem "Ley de Memoria Histórica" verboten.

Fuerteventura die Insel der verbannten Spanier.

Tefía Fallschirmspringer Denkmal.

Tefía – kein sonniges Umfeld.

Fallschirmjäger Unglück – Bandera Paracaidista 'Roger de Flor'.

Das erste Flugfeld von Fuerteventura ist jenes von Tefía aus den 1940igern und war flugtechnisch mehr als ungeeignet. Es wurde gewählt, da es zur damaligen Zeit ausser Reichweite der Kanonen von Kriegsschiffen lag. Das Flugfeld nicht nur ungünstig geneigt, es liegt auch in einer gefährlichen Windzone. Der Nordost Passat fegt durch die Düse bei La Matilla und wird beschleunigt auf die weite Ebene von Tefía geleitet und weiter über Los Molinos zum Meer hinaus. Nicht umsonst stehen bei Tefía historische Windmühlen direkt am Flugfeld. Schon 1950 ging das neue Flugfeld in Los Estancos in Betrieb, da es in Tefía​​​​​​​ laufend zu Unfällen kam.

Das Flugfeld von Tefía​​​​​​​ wurde aber vom Militär weiter als Übungsgelände genutzt, was sich als fatal heraus stellte. 1972 kam es zur Katastrophe als 13 Soldaten der Einheit "Bandera Paracaidista 'Roger de Flor'" zu einem Übungssprung aufbrachen. Alle Fallschirmspringer wurden durch heftige Winde und Böen an die Hügelkämme am Staudamm Embalse de los Molinos getrieben und verunglückten alle tödlich. Jährlich wird am Tag des Unfalls eine Gedenkmesse abgehalten.

Insider Tipp

Tefía von einer besseren Seite – Stargazing im Observatorium.

Einerseits ist es makaber, dass in einem Strafgefangenen Lager, man könnte es auch KZ nennen, eine Jugendherberge und ein Observatorium untergebracht wurde. Auf der anderen Seite bringt der Ort nun jungen Menschen Spass und Freude. Was vorbei ist, kann man nicht mehr ändern. Wie alle kanarischen Inseln hat auch Fuerteventura eine sehr aktive Astronomie Gruppe, denn auf den Kanaren in den Nachthimmel zu schauen, das ist schon etwas ganz besonderes. Jeden Freitag ab 20:00 Uhr bis Mitternacht, ausser an Feiertagen, öffnet das kleine Observatorium von Tefía für die Öffentlichkeit seine Pforten. Es lohnt auch die Website der "Agrupación Astronómica de Fuerteventura" zu verfolgen, denn es werden schöne Veranstaltungen organisiert. Stargazing auf den Kanaren muss sein!

Fuerteventura – Strafkolonie der spanischen Militärdiktatur. Wer hier landete trat einen schweren Weg an.Fuerteventura – Strafkolonie der spanischen Militärdiktatur. Wer hier landete trat einen schweren Weg an.Fuerteventura – Strafkolonie der spanischen Militärdiktatur. Wer hier landete trat einen schweren Weg an.Fuerteventura – Strafkolonie der spanischen Militärdiktatur. Wer hier landete trat einen schweren Weg an.Fuerteventura – Strafkolonie der spanischen Militärdiktatur. Wer hier landete trat einen schweren Weg an.Fuerteventura – Strafkolonie der spanischen Militärdiktatur. Wer hier landete trat einen schweren Weg an.Fuerteventura – Strafkolonie der spanischen Militärdiktatur. Wer hier landete trat einen schweren Weg an.Das Grab des General Fanco nahe Madrid – Tal der Gefallenen, Valle de los Caídos.